Fallschirmagenten am Kaiserstuhl

geschrieben von Rüdiger Binkle

8. Januar 2026

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Foto: stolpersteine-in-freiburg.de

„Ich habe diese Szene bis heute nicht
vergessen, wie er sich verabschiedet hat. Unendlich lange
hat er mich in seinen Armen gehalten. Dann ist er aus
dem Zug gestoßen worden. Er stand tränenüberströmt da
und winkte zum Gruß. So war das wirklich der Abschied
für immer.“

17 Jahre ist Elisabeth Müller als sie 1943 die Verhaftung ihrer Eltern in der Freiburger Albertstraße und die Deportation von Heinrich Müller und Lina Müller-Stumpp ins KZ Sachsenhausen erlebt. Wer die Freiburger Innenstadt verlässt und sich in Richtung Institutsviertel begibt, wo die Einrichtungen der Universität und Nachkriegsbauten das Stadtbild prägen, findet in der heutigen Katharinenstraße zwei Stolpersteine, die an eine, zunächst unauffällig hier lebende Familie erinnern. Lina und Heinrich Müller waren Mitglieder der Komintern, des internationalen Zusammenschlusses kommunistischer Parteien. Sie standen in Verbindung mit einem Widerstandsnetz, das die NS-Verfolgungsbehörden als „Rote Kapelle“ bezeichneten und irrtümlicherweise für eine von Moskau straff organisierte Spionage-Truppe hielten. Tatsächlich wurden unter diesem Fahndungsnamen eine Reihe unterschiedlicher Widerstandsgruppen zusammengefasst. „Das von der Gestapo geschaffene Organisationskonstrukt Rote Kapelle hat in dieser Form nie existiert“, schrieb der Dokumentarfilmer Stefan Roloff 2002.

Hans Coppi jr. stellte 1996 in einer Dokumentation fest:

„Aus widerstandsgeschichtlicher Perspektive handelt es sich bei der „Roten Kapelle“ um unterschiedliche Personen und Gruppen, die in den ersten Kriegsjahren mit sowjetischen Nachrichtendiensten in ständiger oder punktueller Verbindung standen und in den Jahren 1942/43 inhaftiert wurden“.

 Dem Widerstandsnetz gehörte auch Heinrich Müllers Schwester Anna an, die in Basel lebte. Der Transport von antifaschistischen Flugblättern, die Fluchthilfe für verfolgte jüdische Menschen, das Einschleusen von Kurieren und nachrichtendienstliche Tätigkeiten gehörten zu den Aufgaben der klandestinen Gruppen. Mit dem Überfall der Nazi-Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 intensivierten die Widerstandszellen ihre militärisch-aufklärerischen Tätigkeiten. Es ging darum Truppenbewegungen und Waffensysteme der Nazi-Armee auszukundschaften und sie per Funk an den Moskauer militärischen Geheimdienst zu melden. In der Nacht zum 25.Februar 1943 sprangen über dem Kaiserstuhl zwei Fallschirmagenten aus einem englischen Bomber ab. Elsa Noffke und Georg Tietze, ausgebildet beim militärischen Geheimdienst GRU in Moskau, waren von dort per Schiff nach Großbritannien gereist und hatten im britischen Tempsford das Flugzeug bestiegen. Beim Absprung in der Nähe der Ortschaft Endingen verloren die beiden ihr Funkgerät, die Gestapo wurde auf das Kommando aufmerksam. Nach der Verhaftung eines weiteren Agenten in Berlin, schnappten die Fallen zu. Heinrich und Lisa Müller wurden am 23.April 1944 in ihrer Wohnung verhaftet und im August 194 im KZ Sachsenhausen ermordet. Auch Elsa Noffke und Georg Tietze gerieten in Freiburg in die Fänge der Gestapo. Sie wurden im November 1943 im KZ Ravensbrück erschossen. Heinrich Müllers Schwester Anna, von der Gestapo unter einem Vorwand nach Deutschland gelockt, entging der Hinrichtung nur durch die Intervention der Schweizer Behörden. Das Jahrhundert der Katastrophen: Elsa Noffkes Schwager Michail Kreps war 1937 im Zuge der stalinistischen Verfolgungen in der Sowjetunion ermordet worden.

 Lisa Müller stellte 1950 und 1958 Wiedergutmachungsanträge für ihre ermordeten Eltern. In der Ablehnungsbegründung hieß es lapidar:

„Landesverrat und Spionage stehen in allen Staaten unter strenger Strafe Die Bestrafung des Erblassers war daher kein nationalsozialistisches Unrecht, für das entschädigt werden kann.“

Manfred Messmer, dem in der Schweiz lebenden Enkel der Müllers, ist es zu verdanken, dass die Geschichte seiner Großeltern in Freiburg publik wurde. Anton Meckel konnte die Ereignisse weiter recherchieren. Im neuen Dokumentationszentrum Nationalsozialismus ist das Schicksal der Fallschirmagenten und ihrer Freiburger Kontaktpersonen, leider etwas versteckt, in einer interaktiven Stele dokumentiert.