„Unendlich dankbar“

geschrieben von Erika Weisser

8. Januar 2026

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Landtagspräsidentin Mutherem Aras besuchte fünf Erinnerungsorte des Naziterrors

Seit 2018 besucht Landtagspräsidentin Mutherem Aras jedes Jahr Erinnerungsorte, die sich mit dem Nazi-Terror beschäftigen, den Opfern die Namen zurückgeben, die Täter benennen und Hintergründe für den Aufstieg des Faschismus beleuchten. Üblicherweise sind Vertreter aller „Opfergruppen“ dabei; heuer war nur die VVN-BdA mit von der Partie, die vom Landtag und der Landeszentrale für politische Bildung organisiert wird. Die Fahrt ging durch die Landkreise Böblingen, Ludwigsburg, Schwäbisch-Hall und Main-Tauber.

Angesichts des Erstarkens der völkisch-ausgrenzenden politischen Rechten zeigte sie sich an allen fünf Stationen „unendlich dankbar“ für die ehrenamtliche Arbeit der Menschen, die diese Orte durch jahrelanges Engagement, unermüdliche Forschung und oft trotz heftigen örtlichen Gegenwinds ermöglicht und erhalten haben. Denn dadurch „machen Sie uns bewusst, wozu Menschen fähig sind, wenn aus Vorurteil Verachtung und aus Verachtung Vernichtung wird“.

„Es gibt nichts Selbstverständlicheres als dies zu tun“, entgegnete ihr der 96-jährige ehemalige Lehrer Eberhard Röhm. Er kam 1960 nach Leonberg und gründete, nachdem er von dem im letzten Kriegsjahr hier betriebenen KZ erfahren hatte, eine Gedenkstätteninitiative. Zusammen mit anderen Mitgliedern recherchierte er die Geschichte dieses SS-geführten Außenlagers des KZ Natzweiler und der rund 5000 hier festgehaltenen Menschen aus 24 Ländern. Diese mussten von Anfang 1944 bis April 1945 in den bombensicheren Röhren des Autobahntunnels am Engelberg in Zwangsarbeit die Tragflächen des Messerschmitt-Düsenjägers ME 262 produzieren. In einem der Röhren richtete die Initiative eine sehr informative Dokumentationsstätte ein, stellte eine Wand mit den Namen der etwa 2000 ermordeten und durch Arbeit vernichteten Männer und gestalteten einen Weg der Erinnerung – u.a. zum Stadtfriedhof mit dem Sammelgrab der Ermordeten.

Zum KZ Natzweiler gehörte auch das KZ „Wiesengrund“ in Vaihingen an der Enz. Und auch hier sollten die Häftlinge einen Bunker bauen – als unterirdische Flugzeugfabrik der Messerschmitt AG. 3000 Menschen waren in Baracken untergebracht, viele von ihnen  mussten Zwangsarbeit leisten – etwa 1700 überlebten die Torturen nicht. Sie wurden in den 1950er-Jahren auf den KZ-Friedhof beigesetzt; manche Gräber wurden inzwischen immer wieder geschändet – zuletzt im Frühjahr 2025. An das Lager erinnern eine Tagungs-Halle und eine Informations-Baracke, die über den Fundamenten der einstigen Bade- und Entlausungsbaracke errichtet wurde. Bei Aras‘ Besuch war außer Vertretern des Gedenkstätten-Initiativkreises auch die inzwischen 100-jährige Wendelgard von Staden anwesend, die als Kind das auf dem Gelände ihrer Eltern gelegene Lager entdeckt und mit ihrer Mutter versucht hatte, die Gefangenen zu befreien.

Weitere Etappen der Reise waren die ehemalige, in der Pogromnacht 1938 unzerstörten Synagoge in Michelbach/Lücke und der dazu gehörige Jüdische Friedhof. Darauf folgte ein sehr informativer Besuch der Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“ in Rot am See. Hier wurden am 10. April drei Männer hingerichtet: der Bauer Friedrich Hanselmann, vier durchhaltewillige bewaffnete HJ-Mitglieder entwaffnet hatte – und der damalige Bürgermeister und der Hauptlehrer, die sich geweigert hatten, das standrechtliche Todesurteil des SS-Sturmbannführers  Gottschalk zu unterschreiben. Die letzte Station war das sehr gut gestaltete und bezüglich jüdischer Geschichte augenöffnende Jüdische Museum in Creglingen. Auch diesen drei Stätten galt der Dank der Landtagspräsidentin. Und alle fünf Stätten lohnen einen Besuch – und Unterstützung.