Stehen wir vor einem neuen Faschismus? Was tun?

geschrieben von Josef Kaiser

14. April 2026

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Vortrag mit Dr. Ulrich Schneider in Friedrichshafen

29.11.2025 Friedrichshafen: Dr. Ulrich Schneider

Zu einem Vortrag mit Diskussion versammelten sich am 29.11.2025 in Friedrichshafen rund 45 Teilnehmende. Eingeladen hatte die VVN-BdA Ravensburg zu einem politischen Abend mit dem Historiker Dr. Ulrich Schneider zum Thema „Stehen wir vor einem neuen Faschismus? Was tun?“. Ulrich Schneider ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer / Bund der Antifaschisten (FIR).

Die Zeit des Faschismus begann nicht am 30.01.1933 mit der Machtübergabe an Adolf Hitler, so Ulrich Schneider. Bereits 1923 hatte Clara Zetkin mit ihrer Schrift „Die faschistische Gefahr“ das Thema aufgegriffen. Sie hatte verstanden, dass der Faschismus nicht nur in Italien mit Benito Musolini bereits an der Macht war (1922-1943). Faschismus war ein internationaler, ja globaler Trend.

Nach dem ersten Weltkrieg hatte die internationale Arbeiterbewegung politischen Einfluss bekommen und eine Demokratisierung der Gesellschaft vorangetrieben. Diese Entwicklung sollte gestoppt und alte Herrschaftsverhältnisse wieder hergestellt werden: 1918 enteignete Fabrikanten und Großgrundbesitzer wurden militant und gewalttätig wieder eingesetzt – man scheute sich dabei nicht vor Mord und Totschlag. In Deutschland waren besonders die völkisch orientierten, militanten Freikorps aktiv, um revolutionäre Bestrebungen von 1918 zu bekämpfen. Ziel: Wiederherstellen und absichern kapitalistischer Verhältnisse, wie sie vor dem 1. Weltkrieg herrschten. Clara Zetkin formulierte bereits früh, dass sich diese Bewegung nicht nur gegen die Kommunisten richtete, sondern gegen die Arbeiterbewegung insgesamt: Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Linke, Intellektuelle und Kommunisten.

1923 wurde deshalb in Berlin eine antifaschistische, überparteiliche Weltliga gegründet. Sie sollte aufklären und die Menschen vor den Gefahren des Faschismus warnen. Das politische Klima stand allerdings dagegen: Hyperinflation, Verbot linker Zeitungen, nationalistische Reichswehr und Regierung. Die antifaschistische Weltliga konnte sich nicht wirkungsvoll einbringen. Ein antifaschistisches Weltbündnis gegen Faschismus kam nicht zustande.

In den Jahren 1924-1929 konnte sich das kapitalistische System in Deutschland stabilisieren. Deutschland stieg ökonomisch wieder auf. Hohe Kredite aus den USA spielten eine wichtige Rolle dabei. Als die USA die Kredite abzogen, platzte der Boom: Es kam zu einer globalen Weltwirtschaftskrise. Ab diesem Moment war Faschismus eine ernsthafte Option für das kapitalistische Wirtschaftssystem.

Fritz Thyssen förderte die NSDAP massiv mit Geldzuwendungen. „I payed Hitler“ schrieb er später: Mit seinem Geld wurde die NSDAP finanziert, um zu gegebener Zeit u.a. gegen die Arbeiterbewegung eingesetzt zu werden. Einstweilen setzte der Gesamtverband der deutschen Industrie seine Vorstellungen von Politik durch: massiver Sozialabbau, erweiterte Entlassungsmöglichkeiten, Entlastungen der Unternehmen, günstige Energie, Subventionen, Abbau beengender Vorschriften. Für viele „einfache“ Menschen bedeuteten diese Maßnahmen Arbeitslosigkeit und Not.

Medienzar Hugenberg, Reichsregierung und NSDAP boten den Nationalsozialisten breite Möglichkeiten zur Propaganda. Die Öffentlichkeit wurde durch Presse und Radio zugunsten der NSDAP manipuliert. Mittels „neuer Medien“ wurden im Wahlkampf Menschen erreicht, die vorher nur schwer erreichbar waren: Menschen aus strukturschwachen Räumen, aus Kleinbetrieben, Menschen auf dem Lande. Versprochen wurde Deutschland nach der Niederlage im 1. Weltkrieg wieder groß zu machen und dem Deutschen Reich wieder den Platz in der Welt zu verschaffen, der dem deutschen Volk zusteht.

Hitler wurde massiv von der Großindustrie getragen und finanziell gefördert: Thyssen, SIEMENS, Opel, Krupp, IG Farben … sie alle versprachen sich für die Zukunft große Gewinne und investierten deshalb kräftig in Hitler und den Faschismus. Man war sich sicher: Hitler würde ihren Interessen Geltung verschaffen. Die Investition in Hitler würde sich rentieren.

Auf diesem Hintergrund fuhr Hitler ab 1930 große parteipolitische Erfolge ein. Die NSDAP wuchs auf bis zu 33,2% bei den Reichstagswahlen im November 1932. Dieses Drittel der Wählerstimmen war ausreichend, um am 30.01.1933 an die Macht zu kommen und innerhalb weniger Wochen die Weimarer Demokratie in eine Diktatur umzubauen. Die Folgen sind bekannt: Konzentrationslager, Ermordung und Tötung von Millionen Menschen, Krieg.

In der anschließenden, lebendigen und engagierten Diskussion wurden viele Aspekte beleuchtet. Die Parallelen zu heute, insbesondere zur AfD, wurden konkretisiert. Auch die Politik der aktuellen Regierung wurde mit Sorge betrachtet: Sozialabbau, Deregulierung, Kriegsfähigkeit, AfD-Verbot, Remigration, Stadtbild … viele Themen, die durchaus Vergleiche und Analogien mit der Zeit vor 1933 zulassen.

Stehen wir vor einem neuen Faschismus? Was tun? Die Frage kann man natürlich so nicht beantworten. Wir müssen unsere Geschichte kennen, Analogien sehen und daraus die nötigen Konsequenzen ableiten – und auf den eigenen inneren Kompass vertrauen. Ulrich Schneider ermutigte die Anwesenden sich weiterhin sozial und politisch zu engagieren, Bündnisse einzugehen, mutig gegen nationalistische und menschenfeindliche Positionen aufzutreten. Ziel bleibt eine demokratische, eine antifaschistische, eine friedlichere Welt. – ohne Rüstung und Krieg.