Neue Wehrmacht, alte Generäle
8. Januar 2026
Aufbau der Bundeswehr und NS-Kontinuitäten
Am 20. März 1945 äußerte Thomas Mann in einer Rundfunkansprache die Hoffnung, dass es den Nazis nicht gelingen würde, „die demokratischen Mächte zum Verrat an ihrem sozialistischen Verbündeten bereden zu können.“ Was er nicht wusste, war, dass die USA und Großbritannien gar nicht beredet werden mussten, sondern genau dies bereits vorbereiteten. So tagte am 15. April 1945 im US-Außenministerium eine Expertengruppe, zu der auch der spätere Außenminister John F. Dulles gehörte. Im Protokoll des Treffens ist vermerkt: „Die Gruppe beschloss … Deutschland wieder aufzubauen und dann zu remilitarisieren. Deutschland sollte zu einem ‚Bollwerk‘ gegen Russland gemacht werden.“ Auch Winston Churchill hatte bereits vor dem 8. Mai 1945 seine Oberkommandierenden in Deutschland angewiesen, die Wehrmacht für einen möglichen gemeinsamen Kampf gegen Russland in Waffen zu halten („Operation Unthinkable“). Zwar ließ sich eine unmittelbare Fortsetzung des Krieges weder der Mehrheit der internationalen noch der deutschen Öffentlichkeit vermitteln, doch hinter den Kulissen wurden bereits konkrete organisatorische Schritte eingeleitet.
Bereits 1946 wurde die Wehrmachtsabteilung ‚Fremde Heere Ost‘ als ‚Organisation Gehlen‘ in den Dienst des US-Militärs gestellt. Reinhard Gehlen, langjähriger Leiter der Wehrmachtsabteilung und NSDAP-Mitglied, übernahm die Leitung der Organisation, die 1956 offiziell zum Auslandsgeheimdienst der BRD, dem Bundesnachrichtendienst (BND), wurde. Sein Nachfolger, Gerhard Wessel, ebenfalls NSDAP-Mitglied und zuvor Stellvertreter Gehlens bei der Abteilung ‚Fremde Heere Ost‘, setzte diese Linie fort.
Parallel dazu nutzten die USA im Dezember 1945 das operative Wissen von über 300 führenden Wehrmachtsoffizieren, die bei der Historischen Division der United States Army angeheuert wurden. Ihre Erfahrungen aus der ‚Operation Barbarossa‘, also dem völkermörderischen Überfall auf die Sowjetunion, flossen direkt in die militärischen Schulungsprogramme der Army ein. Beteiligte Offiziere wie Franz Halder, Adolf Heusinger und Hans Speidel – allesamt verantwortlich für Planung und Durchführung von Besatzungs- und Vernichtungsaktionen – wurden 1950 von Konrad Adenauer zur Himmeroder Konferenz eingeladen. Die daraus hervorgegangene Denkschrift forderte unter anderem die Rehabilitierung der Wehrmacht und der Waffen-SS sowie die Freilassung verurteilter Kriegsverbrecher. 1952 wandte sich Adenauer mit dem Ersuchen an den US-amerikanischen Hohen Kommissar McCloy, die Proklamation des Kontrollrats Nr. 2 außer Kraft zu setzen, die die Auflösung von SS, SA, SD und Gestapo angeordnet hatte. Ziel war es, erfahrene faschistische Kader wieder in staatliche Strukturen zu integrieren und die Grundlagen für eine „neue Wehrmacht“ (Blank) zu schaffen.
Anstatt also die Täter von NS-Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, konnten diese in der BRD mit demokratischem Deckmantel und Unterstützung der Westalliierten ihre Mission aus Nazi-Zeiten fortsetzen. Ihr Ziel, die Vernichtung Sowjetrusslands, korrelierte mit den Interessen Großbritanniens und der USA. Im Zuge dessen wurde die Spaltung Deutschlands vorangetrieben, um Westdeutschland als ‚Bollwerk‘ gegen Russland in Stellung bringen zu können.
Bundeskanzler Adenauer verdeutlichte dies am 16. November 1954 in der Neuen Zeitung: „Unser Ziel ist die Befreiung unserer 18 Millionen Brüder und Schwestern in den Ostgebieten.“ Damit war eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, wie es das Potsdamer Abkommen vorsah und die Sowjetunion mehrfach vorschlug, nicht vorgesehen; das erklärte Ziel war die Rückeroberung der Ostgebiete, notfalls mit militärischen Mitteln. Der Machtanspruch richtete sich dabei keinesfalls nur gegen das Staatsgebiet der DDR, sondern strebte ein deutsches Reich in den Grenzen von 1937 an, wie Adenauer am 6. Oktober 1951 im SPIEGEL unmissverständlich klarstellte: „Das Land jenseits der Oder-Neiße gehört für uns zu Deutschland.“ Das erklärte Ziel der Adenauer-Regierung war damit mit friedlichen Mitteln unmöglich zu erreichen. Es war nur kriegerisch umsetzbar.
Die Umsetzung dieser Zielsetzung machte sowohl die Remilitarisierung erforderlich – Aufbau einer Armee und einer industriellen Rüstungsinfrastruktur –, als auch die Integration in die US-geführte NATO. Adenauer forderte hierzu am 29. August 1950 in einem Geheimmemorandum an den US-Hochkommissar McCloy die Aufstellung westdeutscher Militäreinheiten. Ein Schritt in diese Richtung war der Generalvertrag zwischen der BRD, England, Frankreich und den USA vom 26. Mai 1952. Die Pariser Verträge vom 23. Oktober 1954 ergänzten diese Regelungen und ermöglichten die Gründung einer „neuen Wehrmacht“ (Blank), sowie die Aufnahme der BRD in die NATO. Am 6. Mai 1955 wurde die BRD Mitglied der NATO, am 12. November 1955 erfolgte die offizielle Aufstellung der Bundeswehr, am 21. Juli 1956 trat das Wehrpflichtgesetz in Kraft.
Mit der Gründung der Bundeswehr ging die Bildung einer Vielzahl von Soldaten- und Traditionsverbänden einher. In den Verbänden fanden sich faschistische Gauleiter, SS-Kommandeure, SA-Standartenführer und Hitlergeneräle zusammen. Mitte der 1950er Jahre existierten mehr als 500 solcher Traditionsverbände, die mit Bundesmitteln gefördert wurden. Einzelne Verbände wurden von schwerbelasteten Kriegsverbrechern geführt. So stand der frühere SA-Standartenführer Hans Prage der Traditionskompanie „Horst Wessel“ vor, und der „Gemeinschaft ehemaliger SS-Männer“ der letzte Kommandant der Leibstandarte „Adolf Hitler“, Otto Kumm. Kasernen erhielten die Namen schwerbelasteter Heerführer der Hitler-Wehrmacht.
Mit der Remilitarisierung und der Gründung der Bundeswehr begann der bundesdeutsche Weg zur neuerlichen Kriegstüchtigkeit. Um die aggressiven geopolitischen Interessen zu vertuschen und die Rehabilitierung selbst schwerbelasteter Nazi-Kriegsverbrecher zu legitimieren, wurde die Lüge von einer „zunehmenden Bedrohung durch die kommunistisch regierten Staaten des Ostblocks“ verbreitet, wie es Konrad Adenauer anlässlich der Aufnahme der BRD in die NATO formulierte. Im Kalten Krieg wurde diese Bedrohungslüge gepflegt, um das Wettrüsten zu provozieren und die Militarisierung voranzutreiben. Als Lüge entpuppte sie sich endgültig, als in den 1990er Jahren schließlich gar keine „kommunistisch regierten Staaten des Ostblocks“ mehr existierten und dennoch an der Bedrohungslüge und der NATO festgehalten wurde. Es zeigte sich, dass der Antisowjetismus nur eine Spielart der Russophobie war, die in Deutschland Tradition hat. Bereits Kaiser Wilhelm II. gab die ‚verteidigungspolitische‘ Linie aus, die zum 1. Weltkrieg führte: „Friede mit Russland kann nur durch Furcht vor uns erhalten werden. Die Slawen fürchten und haben nur Respekt vor dem, der sie verhaut.“ Bis heute entspricht dies dem Geist der deutschen und der EU-Ostpolitik. In diesem Sinne heißt es in dem im März 2025 veröffentlichten Weißbuch der EU-Kommission zur Verteidigungspolitik: „Der einzige Weg, wie wir Frieden sichern können, ist die Bereitschaft, diejenigen abzuschrecken, die uns Schaden zufügen wollen.“
Diese Logik der Eskalation führte zu zwei Weltkriegen! Ein dritter muss verhindert werden! „Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.” (Brecht)






