Projektvoschlag zum Alfred-Hausser-Preis: „Auf Spurensuche …“

14. April 2026

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Stolpersteinneuverlegung, K. Leicht

Zielsetzung und Kurzhistorie der DRG

Die DRG wurde 1987 gegründet und führte von 1989 bis 2021 Austausch-, Begegnungs- und Quali­fizierungsprojekte mit der sibirischen Stadt Irkutsk durch. Bei Mitgliedertreffen und in Info-Briefen werden Kenntnisse über den aktuellen Stand unserer deutsch-russischen Beziehungen vermittelt und auf überregionale Veranstaltungen von Galerien, Museen oder Tagungen hingewiesen. Vor Kriegs­beginn gab es mehrtägige Begegnun­gen zwischen Russen und Deutschen, die von der DRG ehren­amtlich und mit der Unterstützung von Gast­familien durchgeführt wurden. In besonderem Maße ko­operierte die DRG mit Schulen: so konnten Schülerbegegnungen mit der Fritz-Erler-Schule und der Alfons-Kern-Schule über zwei Jahrzehnte stattfinden.

Teil 1 – Anliegen der DRG:

Die DRG gründete vor mehreren Jahren einen Arbeitskreis zur Suche nach Spuren von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Pforzheim und Umgebung Zwangsarbeit geleistet hatten:

Dieser stützte sich in den Recherchen auf Vorarbeiten, die im Stadtkreis Pforzheim bzw. im Enz­kreis geleistet wurden: u.a. der Stadtverwaltung, insbesondere des Stadtarchivs, sowie der Friedens­initiative Pforzheim und des DGB.

Zum Umgang der Stadt mit ehemaligen Zwangsarbeiter*innen merkt die DRG an:

„Pforzheim lud ehemalige Zwangsarbeiter aus den Vogesen ein; mit ihnen und ihren Nachkommen gibt es bis heute einen regen Austausch. Mit ehemaligen Zwangsarbeiter*innen aus Russland und der Ukraine wollte man diesen Weg nicht gehen.“

Die DRG gab im Jahr 2022 das Werk „Auf Spurensuche … Ein Beitrag zur Geschichte der sowjeti­schen Zwangsarbeiter*innen im Stadt- und Landkreis Pforzheim während des 2. Weltkriegs“ (Auf Spurensuche …) her­aus. Mit dieser Broschüre möchte die DRG an Namen und Schicksale von Zwangsarbei­tenden aus der ehemaligen Sowjetunion aus dem Vergessen holen.


„Auf Spurensuche …“ stellt Schicksale von Menschen aus der Sowjetunion dar, die in Pforzheim und im Enzkreis Zwangsarbeit leisten mussten: Woher kamen sie, wie haben sie die Deportation er­lebt, was durchlebten sie, bevor sie in Pforzheim ankamen?

In zwölf Briefen an die Stadt Pforzheim kommen sie zu Wort. Viele andere Menschen werden in kurzen Biografien vorgestellt. Die Informationen dafür bezog die DRG aus dem Stadtarchiv und aus Namenslisten verschleppter Personen, die Behörden auf Anweisung der Alliierten nach Kriegsende aufstellen mussten. Listen finden sich im Staatsarchiv und in den »Arolsen Archivs». Weitere Infor­mationen sammelte die DRG im Kreisarchiv, im Generallandesarchiv und weiteren Archiven in Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Teil 2: – Umsetzung des Anliegens durch Öffentlichkeitsarbeit

Nachdem die Veröffentlichung erschienen ist, hat die DRG die Ergebnisse ihrer Forschung in der Öffentlichkeit dargestellt, z.B. mit einem Online-Vortrag „Zwangsarbeit in Pforzheim“ in der Reihe des Stadtarchivs „Montagabend im Archiv“ am 24.01.2022.

Vom 30.08. – 06.09.2021 kam der in Pforzheim geborene Georgij Kulikov mit seiner Tochter Tatja­na aus der Ukraine nach Pforzheim. Ihm wurde am 03.01.2003 seine Geburtsurkunde zugesandt. Sein Vater bezeugte vor dem Amtsgericht im elsäs­sischen Mulhouse die Vaterschaft. Die DRG konnte den Weg des Vaters bis zum April 1945 rekonstruieren: 1942 wurde er nach Pforzheim ver­schleppt, 1943 ins Elsass und 1944 nach Freiburg ver­bracht. Seit dem 19.04.1945 fehlt jede Spur von ihm. Die DRG entzifferte und übersetzte für Georgij Kulikov den handschriftlichen Zusatz der Geburtsurkunde, den er nicht lesen und daher auch nicht verstehen konnte.

Die Stadt Pforzheim gedenkt am 23. Februar jährlich der Bom­bardierung der Stadt durch die briti­sche Royal Air Force. 2024 organisierte die DRG eine Führung auf dem Brötzinger Friedhof zu den Gräbern der sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiter*innen für die französische Delegation aus La Bresse. 2025 unterstützte die DRG mit ihren Recherchen die Kelterner Friedensinitiative „Sun­day4Peace“, die das Thema „Zwangsarbeit“ am Beispiel von der in Keltern bestatteten Antonia Strukova mit einer Friedenswanderung mit über 20 Teilnehmenden von Keltern-Dietlingen nach Pforzheim-Brötzingen ver­bun­den hat. Die DRG stellte auf dem Brötzinger Friedhof das Beispiel der Familie Filen­ko heraus: Fünf Kinder starben zwischen März und Dezember 1944 an „Kreislaufv­ersagen“, „Keuchhust­en“, „Lungenent­zündung“ und „Masern“. Drei von ihnen sind hier be­graben!

Die DRG sucht Kontakt mit Organisationen und Initiativen sowie mit öffentlichen Einrich­tungen, um gemeinsam an das Verbrechen der Zwangsarbeit zu erinnern und um diese auch in den europäi­schen Zusam­menhang zu stellen:

Am 4./5.11.2023 und am 8.11.2024 fand eine Fahrt nach La Bresse zum Gedenk­tag an die aus den Vogesen zur Zwangsarbeit nach Pforzheim verschleppten Männer statt. Eine De­legation der DRG nahm auf Einladung des Vereins „Amis de Pforzheim“ zusammen mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft und der Stadt an der jährlichen Gedenkfeier teil.

Am 22.06.2025 organisierte die DRG am sogenannten „Russenlager“ in Brötzingen eine Gedenk­veranstaltung mit der Neuverlegung von zwei Stolpersteinen, die auf die Ermordung von zwei Zwangsarbeitern durch Nazis hinwiesen; bisher kannte man von diesen Männern nur ihre Nachna­men in verstümmelter Form. Durch Recherchen konnte die DRG die Identität der beiden Männer, Nikolaj Metuschewski und Pjotr Kosij, ihre Geburtsdaten und -orte herausfinden, sowie den Weg ihrer Verschleppung über Königsbach nach Pforzheim.

Das war möglich, weil die DRG ihre Recherche-Arbeit in den örtlichen Archiven des Enzkreises fortsetzt. Demnächst soll eine Broschüre über die Schicksale der Zwangsarbeiter*innen aus der So­wjetunion in den Gemeinden Königsbach und Stein veröffentlicht werden, die dann auch auf die Homepage der DRG einsehbar ist (drgesellschaft.wixsite.com/pforzheim).

Teil 3 – Wahrnehmung aktueller Herausforderungen:

Am 28.04.2025 bzw. am 5. und 19.05.2025 veranstaltete die DRG zusammen mit der Deutsch-Pol­nischen und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft eine Informations- und Diskussionsreihe unter dem Motto „Bruchlinien in Osteuropa“.

Im Jahr 2026 plant die DRG die Herausgabe der Broschüre über Zwangsarbeit in Königsbach-Stein und die Errichtung eines Gedenkortes für Wolodimir Gryniw, der am 27. Mai 1944 im Gewann Steidig/Königsbach wegen ei­nes Liebesverhältnisses erhängt wurde.

Würdigung der Arbeit der DRG durch die VVN-BdA Kreisvereinigung Pforzheim:

Die Recherchen der DRG vermitteln in umfassender Weise Kenntnisse über regionale Ereignisse und Entwicklungen unter dem Naziregime speziell unter dem Aspekt der Zwangsarbeit und der da­mit verbundenen familiären und individuellen Schicksale. Die Recherchen ergeben ein umfas­sendes Bild vom Zusammenspiel zwischen Verfolgung, Mord und Widerstand sowie der juristi­schen und politischen Be­handlung der Naziverbrechen nach 1945 in der Bundesrepublik.

Verharmlosenden, beschönigenden und verfälschenden Darstellungen tritt man wirksam dadurch entgegen, dass man auf der einen Seite Netzwerke mit Initiativen oder Organisationen knüpft, zu denen inhaltliche oder emotionale Anknüpfungspunkte bestehen, zum anderen dadurch, dass man mit eigenen Ideen die Öffentlichkeit sucht. Die Kreisvereinigung der VVN-BdA geht davon aus, dass der Namensgeber Alfred Hausser jede Initiative, miteinander in Dialog zu treten, unterstützt hät­te.