Klare Kante gegen rechts – in Betrieb und Gesellschaft

geschrieben von rb

14. April 2026

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Im Gespräch mit Jose-Miguel Revilla, Vertrauenskörperleiter der IG Metall bei Mercedes-Benz Werk Untertürkheim

8. Mai 2025: IG Metall Vertrauensleute von Mercedes-Benz gedenken den Opfern des Faschismus.

Im März 2026 werden in Baden-Württemberg Landtag und Betriebsräte neu gewählt – inmitten tiefgreifender Umbrüche. In der Automobilindustrie werden Tausende Arbeitsplätze abgebaut, Werke werden verkleinert, Arbeitsplätze mit staatlicher EU-Förderung ins Ausland verlagert, etwa nach Ungarn, das unter Ministerpräsident Viktor Orbán als AfD-nah gilt und für seine gewerkschafts- und demokratiefeindliche Haltung bekannt ist. Laut einer Allensbach-Untersuchung blicken 57 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg mit Sorge auf die Zukunft der Automobilindustrie – besonders die Beschäftigten. Diese Verunsicherung nutzen rechte Kräfte gezielt aus. Nicht nur im Landtag, sondern auch in den Betrieben.

Tarnung als „Kümmerer“
Bei Mercedes-Benz in Untertürkheim ist das seit Jahren zu beobachten. Dort trat „Zentrum Automobil“, heute „Zentrum“, erstmals 2010 zu Betriebsratswahlen an. Bei der Wahl 2022 erreichte die Liste 15,8 Prozent und sieben von 45 Sitzen. „Ohne Tarnung hätten sie diesen Einfluss nie erreicht“, sagt Miguel. Die Strategie sei eindeutig: harmlos auftreten, unpolitisch wirken, Nähe zu den Beschäftigten suggerieren. „Ihr Anführer Hilburger setzte gezielt Migranten auf die Liste, um sich moderat zu geben. Auf den ersten Blick wirkt das weder rassistisch noch rechts.“ Doch dieser Eindruck täuscht. Gerade diese Tarnung erschwert es vielen Beschäftigten, die dahinterstehenden rechten Netzwerke zu erkennen. Deshalb informierten IG-Metall-Vertrauensleute die Belegschaft mit dem Flyer „Solidarität statt Spaltung“ darüber, dass führende Köpfe von „Zentrum“ aus der militanten Neonazi-Szene und aus dem Umfeld rechtsterroristischer Netzwerke wie dem NSU stammen. Zudem ist „Zentrum“ in ein rechtes Netzwerk eingebunden, zu dem unter anderem „Ein Prozent“, die Identitäre Bewegung sowie der AfD-Flügel um Björn Höcke zählen. Letzterer kann sogar gerichtlich bestätigt als Faschist bezeichnet werden.

Angriffe auf die IG Metall
Rechte Betriebsratslisten und Netzwerke sind daran zu erkennen, dass sie hauptsächlich die Gewerkschaften und nicht den Konzernvorstand angreifen. Also genau jene, die in Tarifrunden kollektive Regelungen im Interesse der Belegschaften durchsetzen. „Auch bei Mercedes-Benz hetzt das ‚Zentrum‘ vor allem gegen die IG Metall“, berichtet Miguel. Die Gewerkschaft werde für alle Probleme der Automobilindustrie verantwortlich gemacht. Doch unabhängig ob Verbrenner, Elektromobilität oder KI: die IG Metall Vertrauensleute setzen sich dafür ein, dass technische Veränderungen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten erfolgen. Belegschaften dürfen sich nicht in einem Wettbewerb um niedrigste Löhne, höchste Arbeitsverdichtung, maximalen Personalabbau und um die Nichteinhaltung von Umweltschutzmaßnahmen drängen lassen.

Geschichte als Warnung
„Uns ist wichtig, dass aus der NS-Geschichte heute gelernt wird“, sagt Miguel. Deshalb habe man Kontakt zu Karl Reif und Harald Stingele aufgenommen, die in Seminaren der IG Metall über Zwangsarbeit im Daimler-Konzern berichteten, sowie zu Hermann G. Abmayr, der an den Widerstandskämpfer und Gewerkschafter Willi Bleicher erinnerte. Beide Vorträge hätten gezeigt, wie eng Faschismus und Konzerninteressen miteinander verbunden waren. Die Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 sei kein Nebeneffekt gewesen, sondern Voraussetzung für brutalste Ausbeutung und ungehemmte Profite.

Konsequenzen für heute
„Dass darf sich nicht wiederholen“ sagt Miguel. „Rechte dürfen in den Betrieben keinen Fuß fassen.“ Wer will, dass der 8. Mai – der Tag der Befreiung vom Faschismus – ein gesetzlicher Feiertag wird und das Zwangsarbeiterdenkmal endlich einen würdigen, sichtbaren Platz neben dem Daimler-Benz Museum erhält, braucht gegen eine weitere Rechtsentwicklung starke Gewerkschaften in den Betrieben und breite Bündnisse gegen Nazis in der Gesellschaft. „Nur gemeinsam können wir verhindern, dass Arbeitsplätze, Umweltschutz und demokratische Rechte gegeneinander ausgespielt werden. Zusammenhalt und Vernetzung sind unsere stärkste Antwort auf rechte Hetze.“

rb


Daimler-Konzernführung und Faschismus
Wie offen Vertreter der Unternehmensleitungen den Hitlerfaschismus unterstützten, zeigt eine Rede des damaligen Daimler-Vorstandsvorsitzenden Kissel aus dem Jahr 1938. Er pries die Ausschaltung der Gewerkschaften und den „Betriebsfrieden“ unter der NS-Herrschaft: „Deutsche Betriebsführer, gedenkt der Zeit als eure Betriebe noch von Zank und Streit erfüllt waren, als eure Gefolgschaften von marxistischen Theorien und Prinzipien zerrissen waren, als Kraft und Intelligenz sich in einem alles zerstörenden Klassenkampf zersplitterte (…). Wie anders ist es jetzt geworden (…). In diesem unerhörten Wandel sehen Sie die Tat und das Werk unseres Führers, erkennen Sie daraus aber auch die große Dankesschuld, die alle arbeitenden Deutschen ihm für alle Zeit verpflichtet.“ (zitiert nach Karl Heinz Roth in: Das Daimler-Benz Buch – ein Rüstungskonzern im „Tausendjährigen Reich“, S. 137)

Die Antwort der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung
Dem setzte der Antifaschist, Gewerkschafter und Widerstandskämpfer Willi Bleicher nach 1945 eine grundsätzliche Gegenanalyse entgegen. Er machte klar, dass Faschismus kein Unfall der Geschichte war, sondern eine Herrschaftsform, die wirtschaftliche Macht absichert und ausdehnt und den wirtschaftlichen Interessen der Kapitalseite diente: „Wenn ich (…)  rückblickend den Weg der deutschen Arbeiterbewegung, von der die Gewerkschaften der wesentlichste Teil waren, verfolge, dann sind es der Niederlagen nicht wenige, und der tiefe Fall, das Jahr 1933, war nicht nur bedingt durch die Uneinigkeit und Zerrissenheit, sondern durch das Nichtbegreifen, dass der Faschismus auch nur eine Herrschaftsform des Kapitalismus ist, zu der man greift, wenn mit den bisherigen Mitteln und Methoden der Demokratie ihre ökonomische Herrschaft (…) nicht mehr sichergestellt werden kann. (…) Ja, der Sozialismus ist ein geschichtliches Muss. Er ist für mich der Inbegriff des Humanen, mag er auch in der Gegenwart zuweilen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden. Hoffnung liegt in der Erkenntnis, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.“ (zitiert nach: Willi Bleicher, Texte eines Widerständigen – Briefe aus dem KZ, Reden und Interviews, hg. von Hermann G. Abmayr, S. 431)