Lückenhafte Erinnerungskultur

geschrieben von Anthony Cipriano

14. April 2026

,

„Die Befreiung Deutschlands und Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat uns eine Zukunft gegeben. Der 8. Mai ist für uns ein Tag der Dankbarkeit. Dass wir in einem freien Land in Freundschaft mit unseren Nachbarn leben, ist ein Geschenk – und ein Auftrag.“

So äußerte sich der CDU-Kanzler Friedrich Merz knapp 55 Jahre nach Willy Brandts berühmtem „Kniefall von Warschau“ zum Tag der Befreiung. Zugegebenermaßen etwas heuchlerisch: Während beispielsweise in Italien der 25. April als „Jahrestag der Befreiung“ als gesetzlicher Feiertag verankert ist, verhält es sich mit dem 8. Mai hierzulande nicht so. In der offiziellen Erinnerungskultur spielt stattdessen der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, die zentrale Rolle. Natürlich nicht als Feiertag, an dem große politische Manifestationen unsere Dankbarkeit gegenüber den Befreiern zum Ausdruck bringen, sondern lediglich als Gedenktag – und auch nicht unter diesem Namen, sondern lediglich als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.

Es gehört zwar nicht mehr zum guten Ton, von einem „Tag der Niederlage“ zu sprechen, von einem „Tag der Befreiung“ will von staatlicher Seite allerdings auch niemand etwas wissen. Das hat geschichtliche Hintergründe: Während in Italien die breit aufgestellte Partisanenbewegung einen erheblichen Anteil an der Befreiung des Landes hatte, war es in Deutschland doch vor allem der Vormarsch der Roten Armee, der den Faschismus in die Knie zwang. Das hat Auswirkungen auf das nationale Bewusstsein. Und wir merken diesen Unterschied auch in unserer eigenen Erinnerungskultur: Die italienischen Kameraden haben ihre Partisanenlieder – wir unsere Lagerlieder.

All das bedeutet aber nicht, dass es in Deutschland keinen Widerstand gab. Die meisten von uns wissen um die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, wissen um den Aufstand im Warschauer Ghetto, der ebenfalls zeigt, dass das propagierte Bild, die Verfolgten des Naziregimes wären durchweg resigniert und ohnmächtig gewesen, nicht der Wirklichkeit entspricht. Dort, wo dem Widerstand gegen die Nazibarbarei eine Silbe gewidmet wird, wird meistens nur über individuelle Widerstandsbestrebungen vergleichbar kleinerer Widerstandskreise gesprochen, so zum Beispiel über den durchaus mutigen Widerstand der Bewegung um den 20. Juli. Nicht gesprochen wird aber über die illegalen Lagerleitungen, die Verbindungsnetze von KZ-Insassen zur internationalen antifaschistischen Bewegung, nicht über die konsequente Leistung unzähliger Kommunisten und Sozialdemokraten, die früh schon gegen das NS-Regime ankämpften – und dies auch bis zum Schluss taten.

Es ist kein Zufall, dass der organisierte Widerstand gegen die Nazibarbarei in der offiziellen Erinnerungskultur weitestgehend ausgeklammert wird, denn ihn anzuerkennen und angemessen zu würdigen erfordert das eine oder andere Eingeständnis. Es erfordert zum Beispiel anzuerkennen, dass die Enthauptung der organisierten Arbeiterbewegung, die Zerschlagung ihrer Gewerkschaften sowie das Verbot ihrer Parteien der erste Punkt auf der Agenda der Hitlerfaschisten nach der Machtübertragung war. In wessen Sinne handelten da die Faschisten? Sie folgten dem verzweifelten Geschrei der führenden Wirtschaftseliten der Weimarer Zeit, denen hinsichtlich ihrer Konkurrenzfähigkeit, ihres Machterhalts und ihrer Profite die organisierte Arbeiterbewegung ohnehin schon immer Bauchschmerzen bereitete. Eng verbunden mit der Erinnerung an alle Opfer des Naziterrors bleibt immer auch die Erinnerung an alle Täter. Reduziert man die Erinnerungskultur auf die ethnische und religiöse Verfolgung, kann man diese als Verbrechen der wildgewordenen Faschisten darstellen. Erkennt man stattdessen die volle Bandbreite des Terrors an, so muss man unweigerlich auf dessen Systematik zu sprechen kommen.

So war der Antisemitismus der Nazifaschisten nicht einfach nur eine besonders grausame Form des Rassismus, vielmehr war er Bestandteil eines demagogischen Systems der Herstellung eines einheitlichen Feindbildes, das sowohl Menschen jüdischen Glaubens umfasste als auch die äußeren Feinde der Hitlerfaschisten, die „judeo-bolschewistischen Weltverschwörer“ im Osten, die Wallstreet-Banker im Westen und nicht zuletzt alle Feinde im Inneren des Landes. Er schuf das ideologische Gerüst für willkürliche Verfolgung und Repression, Massenvernichtung und Entmenschlichung.

Die Konzentrationslager der Hitlerfaschisten waren nicht nur Massenvernichtungslager, sondern auch Arbeitslager, die den deutschen Großkonzernen uneingeschränkten Zugang zu Zwangsarbeitern boten. Dies führte häufig auch zur Vernichtung durch Arbeit. Aber nicht nur die brachiale Gewalt gegen alle politische Feinde gehörte zum NS-System, sondern auch die trügerische Einbindung all derer, die das System benötigte. An die Stelle der zerschlagenen Gewerkschaften trat die „Deutsche Arbeitsfront“, die keine Interessenvertretung der Belegschaft war, sondern das Wohl der „Betriebsfamilie“ propagierte, mit der Betriebsleitung als „Führer“ und der Belegschaft als Gefolgschaft.

Wir gedenken aller Verfolgten des Naziregimes – ob ethnisch-religiös oder politisch verfolgt – gleichermaßen. Das bedeutet auch: Wir erinnern an die Systematik des NS-Terrors, an Profiteure, Steigbügelhalter und Nutznießer. Wir erinnern an den politischen Widerstand gegen das NS-Regime, der vom Wunsch nach Frieden, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit getragen war. Und wir erinnern an die zahlreichen politisch Verfolgten des Naziregimes, die auch nach 1945 jeglichen antidemokratischen, militaristischen und antisozialen Bestrebungen stets entgegentraten, sei es die Remilitarisierung, die Einführung der Wehrpflicht, seien es die Notstandsgesetze. Vielleicht nehmen sie ja gerade deswegen in der offiziellen Erinnerungskultur keinen würdigen Platz ein. Wir jedenfalls vergessen sie nicht.