Auschwitz – unser Vermächtnis

geschrieben von Axel Nothardt

14. April 2026

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Für unsere Gedenkfahrt 2026 nach Auschwitz und Krakau erhält das Wagenburg-Gymnasium Stuttgart den Alfred-Hausser-Preis 2025, wofür wir sehr dankbar sind. Wir sind übrigens die Schule, die Alfred Hausser vor 100 Jahren besuchte. Wir werden auch von dem internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB), von der Bethe-Stiftung der Axel-Springer-Stiftung, vom Förderverein des Wagenburg-Gymnasiums und von den Anstiftern unterstützt.

Da das Gedenken an die Naziverbrechen bei uns sowohl im Geschichtsunterricht als auch durch Aktionen wie Fahrten nach Dachau, einen Austausch mit Israel, Stolpersteinverlegungen sowie Archivarbeit zu unseren jüdischen Schülerinnen und Schülern im Dritten Reich tief verankert ist, sollte diese Fahrt etwas ganz Besonderes werden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir bereits im Februar 2024 eine ebenso umfangreiche Fahrt durchgeführt hatten, auf deren Erfahrungen im Folgenden verwiesen wird.

Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen

Unsere Fahrt wurde umfangreich vorbereitet. Wir besuchten die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Dort ermittelt Oberstaatsanwalt Thomas Will bis heute, da viele Täter*innen noch nicht gefunden wurden. Eingestimmt wurden wir mit einem kleinen Fall: Ein Täter hatte für seinen Freund den Dienst übernommen, mehrere Juden zu vergasen. Es wurde detailliert geklärt, dass diese Tat auch zu dieser Zeit ein Verbrechen war, weshalb er verurteilt wurde. Nebenbei erfuhren wir, dass die Nationalsozialisten ihre Taten nicht aus Zwang, sondern aus purem Eigennutz und Sadismus begangen haben und dass jeder das System hätte verlassen können, ohne Repressalien zu erfahren. All diese Fälle sind im Zentralregister und in den Aktenräumen niedergeschrieben. Anschließend spielten wir den Prozess gegen Wilhelm Boger mit den Originalakten nach. Er stammte aus Stuttgart, wütete besonders grausam in Auschwitz und war einer der wenigen, die ihre Strafe bis zum Lebensende verbüßten.

Nur hundert Meter von der Zentralen Stelle entfernt befand sich das Zuchthaus, in dem Alfred Hausser von 1939 bis 1943 für seine politische Arbeit inhaftiert war.

Synagoge Stuttgart und Treffen mit jüdischen Jugendlichen

Wir führen unsere Gedenkfahrt gemeinsam mit dem Jüdischen Bildungswerk durch. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, uns mit jüdischen Jugendlichen über ihren Alltag, ihre Kultur und ihre Religion auszutauschen. Besonders spannend war zu erfahren, dass Israel für sie eine zweite Heimat und letzte Zuflucht ist. Trotzdem nehmen sie die rechte Politik Netanjahus sowie die der ultraorthodoxen Juden kritisch wahr. Bei einer weiteren Führung durch die Synagoge werden wir tiefer in die religiösen Bräuche und das Judentum von heute eintauchen.

Krakau und die „Apotheke unter dem Adler“

Unsere Fahrt wird kurz nach dem Auschwitz-Gedenktag starten. Zunächst werden wir Krakau besuchen. Im Rahmen einer politischen Stadtführung werden wir die Synagogen besichtigen, die das Dritte Reich überdauert haben, sowie das Krakauer Ghetto. Am beeindruckendsten wird voraussichtlich die „Apotheke unter dem Adler” („Apteka Pod Orłem“). Der nichtjüdische Apotheker Tadeusz Pankiewicz riskierte sein Leben und das seiner Familie und Mitarbeiterinnen, um die Jüdinnen und Juden im Ghetto während dieser Zeit mit Medizin und Informationen zu versorgen. Hierzu bestach er auch Nazis und kaufte die nötigen Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt.

Im Schindler-Museum haben wir wie letztes Mal den Guide Jakub Janeczko. Er vermittelt die polnische Geschichte sehr ergreifend und schilderte, wie Polen okkupiert wurde und die Lager errichtet wurden. Er macht seine Beschreibungen mit Geschichten aus der eigenen Familie lebendig. So entkam sein Großvater den Nazis, weil er eine Lederhose trug und ein paar deutsche Worte sprechen konnte. Aber auch das Wirken von Oskar Schindler wird in allen Facetten analysiert.

Im Jüdisch-Galizischen Museum werden wir eine Zeitzeugin treffen. Bei unserer letzten Fahrt war es Rena Rach, die als Vierjährige aus dem Ghetto geschmuggelt wurde. Nur dank ihres Hustens konnte sie nicht in einem Versteck untergebracht werden, das sonst zu einer tödlichen Falle geworden wäre. Für unsere Gruppe wird eine Klezmer-Band spielen. Die jauchzenden Töne der Oboe und die tiefen Laute des Kontrabasses sind eng mit der Geschichte des Judentums verwoben.

Stammlager und Außenlager

Während der vierstündigen Führung durch das Stammlager werden wir Zeit haben, Texte selbst zu lesen, das Grauen zu spüren und die Brutalität der Peiniger nachzuvollziehen. Im letzten Jahr wollte ein Schüler seine Verwandten im Buch der Toten suchen. Da zehn Menschen mit dem identischen Vor- und Nachnamen aufgeführt waren, musste er zunächst seine Eltern nach dem Geburtsort fragen, um die richtige Person zu finden.

Wir lesen an den entsprechenden Orten Texte von Überlebenden, sodass sie noch einmal zu Wort kommen. So wird Elie Wiesel uns erzählen, wie ein Häftling ihn an der Rampe warnte, dass er sich als 16-Jähriger ausgeben müsse. Primo Levi wird berichten, wie er in der Sauna alle Kleider ablegen und die Schuhe zusammenbinden musste. Am gesprengten Krematorium warnten Vrba und Wetzler die Weltgemeinschaft mit detaillierten Zeichnungen der Tötungsanlagen, wie grausam der Massenmord im Lager war.

Beim Workshop im Archiv lernen wir, wie sich im Lager pathologische Krankheiten wie Noma (Wasserkrebs) durch die Wangen von Sinti und Roma fraßen, bevor sie qualvoll starben. Mit Archivmaterial erarbeiten die Schülerinnen und Schüler die Geschichten selbst und halten darüber Vorträge für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.  Dabei beschäftigten wir uns mit dem folgenden Satz von Primo Levi: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.“

Präsentation des Erlebten

Zur Reflexion werden wir die Veranstaltung „Auschwitz – unser Vermächtnis“ vorbereiten, um unserer Schulgemeinschaft unsere Erfahrungen zu vermitteln. Zusätzlich bereiteten wir eine Ausstellung im Schulhaus vor. Dabei können wir auf Erfahrungen aus dem letzten Jahr zurückgreifen: Es war damals sehr schön, wie der Chor der Schülerinnen und Schüler, die bei der Fahrt nicht dabei waren, die Präsentationen unterstützte. Dadurch wurde die Fahrt fest in der Schulgemeinschaft verankert. Ein Lehrer studierte mit den Schülerinnen und Schülern ein Theaterstück ein, in dem die willkürliche Unterdrückung von Menschen in die Neuzeit übertragen wurde.

Zu der Veranstaltung luden wir auch Gäste ein, die sich mit dem Thema beschäftigen oder mit uns zusammenarbeiten. So kamen Mitglieder der Anstifter, der Stolpersteine, des Weltladens und des Gemeinderats. Auch die Staatssekretärin Frau Boser sprach ein Grußwort. In diesem Jahr hoffen wir auf Gäste vom VVN-BdA.

Wir denken, dass wir ganz im Sinne von Esther Bejarano handeln, die sagte: „Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“