Gedenk- und Erinnerungsarbeit der VVN-BdA heute und morgen
14. April 2026
Am 25. Oktober 2025 referierte Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR, auf unserer Landesdelegiertenkonferenz über politische Rahmenbedingungen der Erinnerungsarbeit sowie die spezifische Rolle der VVN-BdA. Im Folgenden veröffentlichen wir eine gekürzte und redaktionell leicht überarbeitete Fassung des Referats.
Das „Alleinstellungsmerkmal“ der VVN-BdA – gegenüber anderen antifaschistischen und antirassistischen Initiativen und Netzwerken – ist, dass sie ihre Wurzeln und ihre politische Tradition in den Frauen und Männern des antifaschistischen Widerstandes, im Exil und in den Überlebenden der faschistischen Haftstätten hat, also eine Organisation mit mehr als 80-jähriger Vergangenheit ist. Das bedeutet für uns, dass das politische Vermächtnis der Überlebenden, was bereits in den Programmen und Botschaften des Jahres 1945 – z.B. im „Schwur von Buchenwald“, aber nicht nur dort – formuliert wurde, Leitmotiv und Orientierung unserer Erinnerungsarbeit darstellen muss. Die unverzichtbare Aufgabe unserer Organisation ist, heute nicht allein gegen AfD und andere neofaschistische Strukturen aufzutreten, sondern das politische Vermächtnis der Überlebenden („Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“) für heutige und zukünftige Generationen zu übersetzen. Daher sollte unsere Erinnerungsarbeit nicht nur ein „Gedenken der Opfer“ – wobei natürlich jedes Opfer unser Gedenken verdient – sein, sondern als Bewahrung und Verteidigung des politischen Vermächtnisses der Überlebenden für eine antifaschistisch-demokratische Entwicklung dieser Gesellschaft verstanden werden.
Wo „Lehren aus der Geschichte“ zunehmend aus dem politischen Diskurs verdrängt werden, ist unsere aktive öffentliche Erinnerungsarbeit wichtiger denn je. Solche Geschichtsarbeit können und müssen wir in enger Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Bündniskräften umsetzen. Wir treten dafür ein, dass die Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung in ihrer ganzen politischen und gesellschaftlichen Breite angemessen im öffentlichen Raum gewürdigt werden. Das bedeutet konkret, den Kampf um Straßennamen, Stolpersteine und andere öffentliche Erinnerungszeichen zu führen.
Aktive Erinnerungsarbeit bedeutet aber auch, dass wir historische Daten mit unseren eigenen Aktivitäten besetzen – als VVN-BdA und im Bündnis mit regionalen Akteur:innen, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft. Es sollte uns nicht genügen, uns nur an „städtischen“ oder offiziellen Veranstaltungen zu beteiligen, deren inhaltliche Füllung wir nicht beeinflussen können.
Aktive Gedenk- und Erinnerungspolitik bedeutet auch, historisches Wissen über den antifaschistischen Widerstand und den Weg in den deutschen Faschismus an die nächsten Generationen weiterzugeben. Was weiß die VVN-BdA noch davon, was die VVN schon wusste? Dazu gehört die Sichtung und Sicherung der vorhandenen historischen Erinnerungen und Zeugnisse; dazu gehört die Archivarbeit; wichtig ist aber auch die Aneignung des bereits seit Jahrzehnten vorhandenen historischen Wissens.
Wie funktioniert diese Arbeit beim Fehlen der Zeitzeug:innengeneration?
„Kinder des Widerstands“ und die „politischen Erben der Zeitzeug:innen“ haben heute eine große Verantwortung, diesen Wissenstransfer voranzubringen. Es gibt dazu bereits hilfreiche Medien. Zum historischen Wissen gehört aber noch ein Weiteres: Wer bzw. welche gesellschaftlichen Kräfte war/waren es, der/die den deutschen Faschismus gefördert und an die Macht gebracht hat/haben, der/die von Faschismus und Krieg unmittelbar profitierte/n? Es waren handfeste Klasseninteressen, die benannt und im Rahmen unserer Erinnerungsarbeit nachgezeichnet werden können. Das bedeutet nicht, dass die VVN-BdA nun eine „antikapitalistische Orientierung“ vertritt, aber dass Faschismus eine Form bürgerlicher Herrschaft ist, sollte zum Grundverständnis unserer Organisation gehören.
Der Erhalt vorhandener und die Schaffung neuer Gedenkorte gehört nach wie vor zu unseren Zielen, für die wir „vor Ort“ um Bündniskräfte werben. Als VVN-BdA müssen wir aktiv in Träger:innenvereinen und unterstützenden Strukturen mitwirken. Es reicht nicht, dass wir viele Jahre dafür gekämpft haben, dass diese Orte entstehen; wir müssen auch die Verbindungen zu ihnen im aktiven Umgang halten, auch wenn unsere ehrenamtliche Organisation deren professionalisierte Arbeit nicht ersetzen kann. Zur Zeit haben wir günstige Voraussetzungen für diese Zusammenarbeit. Denn die Gedenkstätten erleben die politischen Angriffe auf ihre Arbeit. Hier können wir als gesellschaftliche Akteurin mit den Gedenkstätten zusammenarbeiten.
Wir wehren uns gegen eine Geschichtspolitik und gegen eine Leitlinien-Debatte seitens der neuen Bundesregierung bzw. des Kulturstaatsministers, bei der der politische Charakter der Gedenkstätten als Ort historischer Verständigung umgewidmet werden soll zu einem „Trauerort“ für die Opfer der Shoah. Dabei geht es nicht nur um die Einbeziehung der Kolonialverbrechen in das historische Gedenken, sondern vor allem um die Verschiebung in Richtung „Opfer“-Perspektive. In und gegenüber den Gedenkstätten treten wir dafür ein, dass der Fokus der Erinnerungsarbeit auf die Häftlinge sowie ihren Überlebenskampf und Widerstand gelegt wird. Das politische Vermächtnis der Überlebenden muss nachgeborenen Generationen vermittelt werden. Dabei sind die Lagergemeinschaften und Lagerarbeitsgemeinschaften unsere originären Verbündeten.
In unserem Leitantrag wird zudem die Auseinandersetzung mit Geschichtsrevisionismus und allen Formen der Totalitarismus-Doktrin gefordert und betont: „Wir erinnern an die Zerschlagung der Organisationen der Arbeiterbewegung und an den Terror gegen ihre Mitglieder als erste Opfer faschistischer Herrschaft. Wir erinnern an Vernichtungskrieg und Völkermord als zentrale Bestandteile des deutschen Faschismus sowie an die Opfer rechter Gewalt nach 1945. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, heutige Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu benennen und zurückzuweisen. Zugleich erinnern wir auch an lange vergessene und verdrängte Opfergruppen. Der Kampf um Entschädigung der Opfer und ihrer Nachkommen, die bisher nicht berücksichtigt wurden, ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir müssen aktiv werden, wenn bei öffentlichem Gedenken eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet oder die Täterschaft verschwiegen oder relativiert wird.“ Dieses kann man an vielen Beispielen nachzeichnen. Von daher bleibt unsere Forderung: Der 8. Mai muss Feiertag werden!
Wir erinnern insbesondere daran: Für die Verfolgten und Opfer des Nazi-Regimes, die Widerstandskämpfer:innen, für diejenigen, die vor den Schergen des deutschen Faschismus in die Emigration gehen mussten; für all die galt der 8. Mai 1945 als Befreiung vom Faschismus. Sie waren es, die unmittelbar nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau begannen. Sie sahen die Chance, ein neues, friedliches Deutschland aufzubauen, demokratisch und frei vom Faschismus, ohne Militarismus, ohne den Einfluss der mächtigen Monopole, die an diesem Krieg verdient hatten. Ermutigt wurden sie durch die Beratungen der Anti-Hitler-Koalition, die im August 1945 zum Potsdamer Abkommen führte.
Unsere Geschichts- und Erinnerungsarbeit ist gleichermaßen „Jugendarbeit“ und „Neumitglieder-Integration“. Natürlich haben wir durchaus auch Neueintritte, weil die VVN-BdA sichtbar und aktiv gegen die AfD und andere Nazis auftritt. Viele Neumitglieder finden den Weg aber auch deshalb zu uns, nicht weil wir ein „Traditionsverband“ sind, sondern ein „Verband mit Tradition“. Den Wert dieser Tradition an die heutigen und zukünftigen Mitglieder zu vermitteln , ist eine Herausforderung.
Tatsächlich erleben wir, dass sich auch heutige junge Menschen für die NS-Geschichte und den antifaschistischen Widerstand vor 1933 und gegen den Faschismus an der Macht interessieren. Gleichzeitig müssen wir dabei helfen, „neue Fragen“ der heutigen Generationen aufzunehmen. Dabei ist es oftmals besser, dass wir junge Leute motivieren, selber in ihrem Rahmen eine Veranstaltung zu organisieren, bei der sie „Referent:innen von uns einladen“, als dass wir sie zu unseren Veranstaltungen einladen.






