Gesichter des Widerstands

geschrieben von Sophie Linde

14. April 2026

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Porträtzeichnungen gegen Faschismus und Antikommunismus

Zeichnung: Eugen Sigrist von Sophie Linde

Am Rand des Tübinger Stadtfriedhofs liegt das Gräberfeld X – hier ruhen auch antifaschistische Widerstandskämpfer, Kommunisten, Saboteure, Deserteure und sowjetische Kriegsgefangene. Eine Reihe von Porträtzeichnungen erinnert an deren Geschichten von Verfolgung und Widerstand.

Bis 1963 wurden auf dem Gräberfeld die Leichen aus dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen bestattet. Unter den Toten, deren Körper seziert oder zur Herstellung von Präparaten verwendet wurden, befinden sich zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus: 1077 Menschen waren zwischen der Machtübergabe an die Faschisten am 30. Januar 1933 und der Befreiung am 8. Mai 1945 betroffen. Die meisten von ihnen starben keines natürlichen Todes, sondern wurden ermordet, verhungerten in Lagern oder starben an den Folgen von Zwangsarbeit, Gewalt und unterlassener medizinischer Versorgung.

Die Porträtreihe „Gesichter des Widerstands“ bildet einige dieser Menschen ab, basierend auf historischen Fotografien. So werden diejenigen gewürdigt, deren Körper in der Anatomie benutzt wurden: sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Juden, sogenannte „Asoziale“ oder Verbrecher, Deserteure, Saboteure und kommunistische Widerstandskämpfer. Ein besonderer Fokus liegt auf Antifaschisten. Die Begleittexte, die biografische Informationen vermitteln, beziehen sich überwiegend auf Erkenntnisse, die im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Gräberfeld X erarbeitet wurden (abrufbar unter graeberfeldx.de).

Die Porträts wurden im Mai 2025 im Rahmen der Kundgebung anlässlich des 80. Jahrestags der Befreiung erstmals in Tübingen ausgestellt und im Juli über mehrere Wochen im Tübinger Linken Zentrum Trude Lutz gezeigt. Im Herbst war eine Auswahl im Rahmen der Ausstellung „Spit on Hitlers Grave“ in Berlin zu sehen. Am 21. und 22. Februar 2026 werden die Zeichnungen in der Ateliergemeinschaft Cool Pool in Mannheim ausgestellt. In begleitenden Veranstaltungen geht es um die Entstehung der Bilder, die Geschichte des Gräberfeld X sowie anhand der 2023 veröffentlichten Broschüre „Die Gruppe Lechleiter“ um Antifaschismus damals und heute. Ein Workshop bietet die Möglichkeit, selbst künstlerisch aktiv zu werden, Gedanken zum Thema Widerstand festzuhalten und in Austausch zu treten. Aktuelle Informationen gibt es auf Instagram unter @keinezeitfuerkunst oder unter sophielinde.wordpress.com.

Kommunisten waren als die konsequentesten Vertreter der Arbeiterbewegung unter den ersten Verfolgten und erfuhren auch nach 1945 Repressionen, während zahlreiche NS-Täter unbehelligt blieben. Unter den im Gräberfeld X Bestatteten sind auch Eugen Sigrist und Daniel Seizinger, die der Widerstandsgruppe um Georg Lechleiter in Mannheim angehörten.

Eugen Sigrist, geboren am 25. Januar 1903 in Gemmrigheim, trat Ende der 1920er Jahre in die KPD ein und leitete deren Ortsgruppe Luzenberg in Mannheim. 1933 wurde er wegen Verbreitung illegaler kommunistischer Schriften zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Während des Krieges schloss er sich der Lechleiter-Gruppe an. Diese stellte eine illegale Arbeiterzeitung unter dem Titel „Vorbote – Informations- und Kampforgan gegen den Hitler-Faschismus“ her. Sigrist spielte eine wichtige Rolle bei der technischen Herstellung des Blatts. 1942 wurden 14 Mitglieder der Gruppe, darunter auch Sigrist und der Gewerkschaftsfunktionär Seizinger, verhaftet, wegen „Hochverrat“ verurteilt und in Stuttgart hingerichtet. Anschließend wurden einige der Leichen dem Tübinger Anatomischen Institut zur Verfügung gestellt und später auf dem Gräberfeld X begraben.

Der Hitlerfaschismus richtete sich nicht nur gegen die organisierte Arbeiterschaft in Deutschland, sondern auch gegen den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion. Unter den Leichen, die in der Tübinger Anatomie verwendet wurden, waren mindestens 156 sowjetische Kriegsgefangene. Es waren ausschließlich Kriegsgefangene aus der Sowjetunion betroffen, deren Behandlung nicht einmal dem Mindeststandard, der für gefangene Soldaten aus anderen Ländern galt, entsprach, denn: „Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen Deutschland“, wie es in einem „Merkblatt für die Bewachung sowjetischer Kriegsgefangener“ von 1941 hieß. Infolgedessen überlebten fast 60 Prozent der sowjetischen Kriegsgefangenen den deutschen Gewahrsam nicht, während die Todesrate unter den westalliierten Gefangenen bei unter vier Prozent lag. Eines der jüngsten im Gräberfeld X bestatteten Opfer ist der sowjetische Kriegsgefangene Dmitrij Kopytin. Er starb 1943 im Alter von 20 Jahren im Kriegsgefangenen-Lazarett in Tübingen.

Die Reihe „Gesichter des Widerstands“ stellt den Antikommunismus als ein wesentliches Merkmal des Hitlerfaschismus heraus. Die unkritische Übernahme des Begriffs „Nationalsozialismus“ ist ein Beispiel für den anhaltenden Erfolg der faschistischen Propaganda: Die NSDAP inszenierte sich als arbeiterfreundlich und sozial – quasi sozialistisch – und bediente sich an Ästhetik und Traditionen der Arbeiterbewegung. Tatsächlich richtete sich ihre Politik jedoch gegen die organisierte Arbeiterschaft. Hitler selbst ließ keinen Zweifel daran, als er 1933 die „Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“ forderte. 

Anstelle einer Aufarbeitung der Ursachen des Faschismus wurde Deutschland nach 1945 vielfach als kollektives Opfer inszeniert, schreibt Ute Weidemeyer 1988 in dem Sammelband „Nationalsozialismus im Landkreis Tübingen“, „vor allem Opfer der ‚bösen‘ Kommunisten. Das Bild, das man von jenen nach dem Ende des NS entwarf, schloss sich eng an die NS-Vorstellungen vom Bolschewismus an; machte sodann aus Kriegsverbrechern antikommunistische Kämpfer und aus Mitläufern arglose verführte.“ Der Antikommunismus des Hitlerfaschismus wurde in der Bundesrepublik nie aufgearbeitet – im Gegenteil: Im Kalten Krieg wurde mithilfe der Totalitarismus-Doktrin der Realsozialismus im Osten moralisch auf eine Stufe mit dem Faschismus gestellt. Eine nützliche Funktion der Dämonisierung des Kommunismus war und ist auch, die Kontinuitäten zwischen dem faschistischen Deutschland und der BRD zu verschleiern. Der fortbestehende Antikommunismus und die bloß oberflächliche Aufarbeitung des Faschismus erweisen sich als zwei Seiten desselben Problems.

Mit dem Gedenken an die Opfer und an ihre Schicksale, die in Tübingen ihr Ende fanden, erinnern die Porträtzeichnungen an Kämpfer im antifaschistischen Widerstand: Menschen, die Faschismus und Krieg als Auswüchse einer unsozialen und unsolidarischen Klassengesellschaft erkannt hatten und sich dagegen in der Arbeiterbewegung, in Gewerkschaften und in der Kommunistischen Partei organisierten. Obgleich der Faschismus an der Macht vor 80 Jahren kapitulieren musste, sind seine Wurzeln noch nicht vernichtet. Um rechten Tendenzen und Geschichtsrevisionismus heute entgegenzutreten, ist historisches Wissen eine Voraussetzung. Die Porträtserie soll einen Beitrag dazu leisten – als Erinnerung an die Vergangenheit, aber auch als Aufruf zu konsequentem Handeln im Sinne einer anderen Zukunft.