70 Jahre Tag der Befreiung 2015 – Rede von Ilse Kestin am 9. Mai in StuttgartIl

geschrieben von Ilse Kestin

13. Mai 2015

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Ilse Kestin, Landessprecherin der VVN-BdA baden-Württemberg am 9. Mai 2015 in Stuttgart 70 Jahre Tag der Befreiung 2015 -es gilt das gesprochene Wort- Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kameradinnen und Kameraden, heute, am 08. Mai feiern wir den Tag der Befreiung vom Faschismus, das Ende der Nazi Diktatur. 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges gedenken wir derer, die in 12 Jahren Naziherrschaft verfolgt, unterdrückt, eingesperrt und ermordet wurden. Wir gedenken derer, die ihr Leben auf den europäischen Schlachtfeldern und im Bombenhagel verloren haben. Beide Weltkriege gingen von deutschem Boden aus. Der Erste Weltkrieg hat Deutschland verwüstet, der zweite hat Deutschland und die Welt in ein Chaos nie gekannten Ausmaßes gestürzt. Der Faschismus hat die Welt mit einem Krieg überzogen, der zu mehr als 60 Millionen Toten geführt und Europa in Trümmer gelegt hat. Freundinnen und Freunde, die Häftlinge der Konzentrationslager, die Soldaten und Zivilisten, die den Befehl verweigerten und ihr Leben verloren, sie alle waren Opfer des Faschismus. Wir werden sie nie vergessen und es ist für uns als VVN-BdA eine Verpflichtung alles zu tun, dass sie auch in Zukunft ein würdiger Teil deutscher Geschichte bleiben. 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sind Zeitzeugen rar geworden. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die den Krieg und die Terrorherrschaft der Nazis erlebt haben und den nachkommenden Generationen berichten können. Meine Generation hatte noch Gelegenheit Zeitzeugen zu befragen. Für die Zukunft brauchen wir Gedenk- und Lernorte wie das Hotel „Silber“, das wir nach langem Kampf in Stuttgart durchsetzen konnten. Wir brauchen neue Formen des Gedenkens um auch die nachfolgenden jungen Menschen für die Erfahrungen aus der Geschichte zu sensibilisieren. Freundinnen und Freunde, für die Toten der Konzentrationslager und der Schlachtfelder und für die Menschen, die noch später an den Folgen des Krieges und der Haft starben, kam der 8. Mai zu spät. Es gilt nach wie vor, auch 70 Jahre nach dem Hitlerfaschismus, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, solidarisch gegen Naziaktivitäten, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung aufzustehen und für die Zukunft zu arbeiten. Und diese Zukunft beginnt heute, Freundinnen und Freunde. 1945 war der Nationalsozialismus auf dem Schlachtfeld, nicht aber in den Köpfen besiegt, aber was Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, Treblinka, Majdanek, Bergen-Belsen möglich machte, schwand nur allmählich aus den Köpfen – wenn überhaupt. Es gab 1945 keine Stunde „Null“. Denn was wir derzeit unter dem Begriff „PEGIDA“ erleben, zeigt, dass seit dem Ende des Faschismus eben kein wirkliches gesellschaftliches Umdenken stattgefunden hat. PEGIDA gestaltet sich immer mehr zum Sammelbecken für alle möglichen rechten Gruppierungen und Neonazis. Für den 17. Mai hat diese sogenannte Bewegung eine Kundgebung in Stuttgart angemeldet. Stellen wir uns diesen Rassisten und Revanchisten im breiten Bündnis entgegen. Denn diese braun gefärbten Biedermänner haben in unserer Gesellschaft keinen Platz! Sie bieten den geistigen Nährboden für die Brandanschläge auf Asylbewerber- und Flüchtlingsunterkünfte, ebenso wie die Rechtspopulisten der AFD. Auch dagegen gilt es sich zu wehren. Freundinnen und Freunde, heute sind Altfaschisten und Neofaschisten europaweit wieder aus ihren Löchern gekrochen und formieren sich neu. Wir aber wollen eine tolerante und offene Gesellschaft. Gegenüber alten und neuen Nazis kann es keine Toleranz geben! Deshalb: es reicht nicht, der Befreiung in schönen Worten zu gedenken. Notwendig ist heute eine Politik, die die Konsequenzen aus dem Gedenken und den historischen Erfahrungen zieht und eine Wiederholung der Ereignisse des Nationalsozialismus unmöglich macht. Freundinnen und Freunde, der 8. Mai 1945 bedeutete das Ende eines 6-jährigen Angriffskrieges und das Ende einer 12-jährigen Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Er bedeutete auch das Ende des in der Menschheitsgeschichte einmaligen Massenmordes an den europäischen Juden, den Sinti und Roma, an Homosexuellen, an Menschen mit Behinderung, an sogenannten Asozialen und nicht zuletzt an politisch Andersdenkenden, an Kommunisten, Sozialdemokraten, Christdemokraten und Gewerkschaftern. Kriegsgefangene, polnische und russische, unterstanden nicht der Genfer Konvention, auch sie wurden gequält und ermordet. Freundinnen und Freunde, für die ganze Welt und nicht nur für die Überlebenden der Konzentrationslager war das erzwungene Ende der Nazidiktatur am 8. Mai ein Tag der Freude. Hunderttausende alliierter Soldaten, Partisanen, Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen haben für diesen Tag ihr Leben riskiert und geopfert. Die Männer und Frauen aus den Reihen der VVN-BdA wollten 1945 ein friedliches, antikapitalistisches Deutschland aufbauen, wie sie es im Schwur von Buchenwald formulierten. Das war ihr Anspruch an ein neues Deutschland! Freundinnen und Freunde, in den antifaschistischen Bündnissen engagieren sich immer mehr junge Menschen. Besonders sie stellen sich verstärkt den braunen Horden entgegen, blockieren Naziaufmärsche und werden dadurch zu „Straftätern“ Denn hier gilt die Sorge der Ordnungsbehörden mehr dem störungsfreien Ablauf der Naziaktionen. Protestaktionen von Antifaschistinnen und Antifaschisten werden als verfassungsfeindlich mit der Begründung behandelt, sie stellten ja das Recht der Nazis auf freie Meinungsäußerung in Frage! Welch ein Hohn für alle Opferverbände und demokratischen Kräfte! Freundinnen und Freunde nach wie vor gilt: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen! Kolleginnen und Kollegen, wir müssen die antifaschistische Arbeit auch stärker mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit verknüpfen. Ein sozialer Staat kann und darf Armut und soziale Ausgrenzung in mitten einer reichen Gesellschaft nicht zulassen. Wir brauchen Umverteilung von oben nach unten, umgekehrt wurde lange genug verteilt! Unser Ziel muss sein, Altersarmut zu vermeiden, Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu bekämpfen, eine gute Ausbildung und attraktive Jobs für Jüngere zu schaffen und unserer jungen Generation in ganz Europa eine gesicherte Zukunft zu bieten. Damit entschärfen wir soziale Brennpunkte und entziehen damit auch den Nährboden für faschistisches Gedankengut. Denn, Freundinnen und Freunde, Sozialpolitik ist auch Friedenspolitik. Jeden Tag ertrinken Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer. Sie fliehen vor Kriegen, ethnischen Verfolgungen, Armut und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern. Es kann nicht angehen, dass sie an Europas Grenzen aufgehalten werden und in die Hoffnungslosigkeit zurück geschickt werden. Wir brauchen eine europäische Politik der Hilfe zur Selbsthilfe, die die Menschen in ihren Heimatländern in die Lage versetzt, sich ein menschenwürdiges Dasein aufzubauen. Freundinnen und Freunde, die Kriege im 20. Und 21. Jahrhundert zu zählen fällt schwer und diese Kriege zählen ihre Opfer schon lange nicht mehr! Wir Antifaschistinnen und Antifaschisten lehnen die Auslandseinsätze der Bundeswehr ab, auch wenn sie unter dem Vorwand der humanitären Hilfe erfolgen. Wir brauchen kein neues Leitbild für die deutsche Außenpolitik! Deutschland schuldet der Welt keine Soldaten, sondern Beiträge für Frieden und Abrüstung! Wir müssen Neofaschismus, Rassismus und Militarisierung bekämpfen. Wir dürfen ihnen keine Nahrung geben, wir müssen die Wurzeln beseitigen. Demokratie muss gestärkt und ausgebaut werden. Wir müssen in allen Bereichen für die sozialen und politischen Menschenrechte und für soziale Gerechtigkeit werben. Wir brauchen Friedenspolitik und keine Kriegspolitik! Es gibt keine gerechten Kriege! Wir wollen eine Gesellschaft ohne soziale Ungerechtigkeiten, ohne Massenarbeitslosigkeit und Krieg, ohne Rassismus und ohne Rechtsradikalismus. „Alle Menschen haben Anspruch auf die Güter dieser Welt“, schrieben Sophie und Hans Scholl in ihrem letzten Flugblatt der weißen Rose. Und der türkische Dichter Nazim Hikmet drückt es so aus: „Lasst uns den Kindern den Erdball schenken wie einen runden Apfel oder ein warmes Brot. Den ganzen Erdball sollen sie haben, dass sie kennen lernen, was Freundschaft ist. Sie werden darauf unsterbliche Bäume pflanzen.“ Nie wieder Auschwitz! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!