Elisabeth Schikora – Widerstandskämpferin Hanna

geschrieben von Gudrun Greth

14. April 2026

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Den überlebenden Widerstandskämpferinnen und -kämpfer war es nach der Befreiung die wichtigste Aufgabe, die Jugend der Kriegsgeneration für Frieden und Völkerfreundschaft zu gewinnen. Hans Gasparitsch, Fritz Brütsch, Franz Franz und Albert Kapr schrieben ihre Erfahrungen aus der Jugendwiderstandsgruppe im Stuttgarter Osten nieder. Es fand sich lange kein Verlag. Erst 1960 veröffentlichte der Verlag Neues Leben in Berlin unter dem Titel „Die Schicksale der Gruppe G“ das Buch über die illegale Jugendwiderstandsgruppe mit dem Autorenpseudonym Fritz Kaspar. Die westdeutsche Neuauflage des Silberburgverlages von 1994, die den Titel „Hanna, Kolka, Ast und andere- Stuttgarter Jugend gegen Hitler“ trägt, nennt im Titel die Frau, die seit Juni 1932 mit dem Wiederaufbau der kommunistischen Jugend in Stuttgart betraut und als Mitglied der Stuttgart Jugendwiderstandsgruppe den Faschismus nicht überlebte – Hanna.

Als Hanna kannte man die am 19. November 1908 im oberschlesischen Deutsch-Piekar (Piekary Śląski) geborene Elisabeth Schikora in Stuttgart, wo sie seit Juni 1932 lebte. Seit 1927 in der kommunistischen Jugend engagiert, wurde sie nach ihrer Ausbildung als Stenotypistin Ende 1928 Kassiererin der Bezirksleitung der KPD in Gleiwitz und bald darauf Kontoristin bei der KPD in Breslau. Die Jugendleiterin der Jungpioniere durfte auf Vorschlag der schlesischen Jugendleitung einen fünfwöchigen Jugendschulungskurs an der Rosa-Luxemburg-Schule der KPD in Berlin-Fichtenau besuchen, der sie zur Übernahme weiterer Führungsaufgaben befähigte. Neben der Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus und ihrer Anwendung auf die aktuellen politischen Fragen war der Austausch mit den Lehrern wie Hermann Duncker, Franz Dahlem u.a.  und Dozenten wie Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck oder sowjetischen Gastdozenten und den Mitschülern, die von Parteiorganisationen aus ganz Deutschland zur Teilnahme vorgeschlagen waren, prägend. In Breslau arbeitete sie 1931/32 eng mit dem aus Stuttgart stammenden Parteisekretär Eugen Wiedmaier zusammen.

Seit Hindenburg mit Notverordnungen regierte, hatten die Verhaftungen große Lücken in die Parteileitungen geschlagen, Strukturen mussten neu aufgebaut werden. 1932, in dem Jahr, in dem die KPD anlässlich der Reichspräsidentenwahl mit der Losung „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler – wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ vor dem Krieg warnte, der sieben Jahre später furchtbare Wirklichkeit werden sollte, wurde Eugen Wiedmaier als Organisationsleiter der Bezirksleitung der KPD Württemberg nach Stuttgart gesandt.  Elisabeth Schikora folgte als Jugendinstrukteurin in Stuttgart. Sie wohnte illegal sie bei Buchdrucker Kohfink in der Villastraße 3 – unweit der Rossebändigerstatuen, an deren Sockel Hans Gasparitsch am 1935 „Hitler = Krieg“ und „Nieder mit Hitler“ schrieb. Sie gab Schulungskurse für die Ortgruppen Stuttgart, Ludwigsburg und weitere.

Im Stuttgarter Osten unterstützte sie den Aufbau der Jugendwiderstandsgruppe „G“ (=geheim) mit dem politischen Leiter Fritz Brütsch – genannt Kolka -, dem Orgleiter Franz Franz – genannt Ast. „Hanna, Kolka, Ast und andere“ – das waren auch „Micha“ Hans Gasparitsch, „Produktiv“ Albert Kapr, „Drall“ Karl Wilhelm“, „Hannas“ Freund „Hardy“ Leonhard Oesterle und weitere junge Menschen. Diese jungen Menschen kamen aus unterschiedlichen weltanschaulichen und politischen Richtungen, viele aus dem Arbeitersport, von den Naturfreunden, aus der kommunistischen Jugend, von den Falken, aus katholischen Jugendorganisationen – eine breite Jugendfront, die sich fantasievoll und mutig gegen Krieg und Faschismus engagierte. Elisabeth Schikora half den Jugendwiderstandsgruppen in und um Stuttgart bei Aufbau und Organisation, bei der Auseinandersetzung mit den politischen Fragen in Theorie und Praxis und sie sorgte für die Herstellung und Verbreitung von Informations- und Schulungsmaterial.

Nach der Machtübertragung an die Nazis wurde Elisabeth Schikora am 10. März 1933 verhaftet und bis 17. Juni 1933 in „Schutzhaft“ in Gotteszell inhaftiert. Aus Sicherheitsgründen band die KPD Freigelassene zunächst nicht mehr in die interne Parteiarbeit ein, sondern überprüfte deren Zuverlässigkeit. Für Elisabeth Schikora, die während ihrer Haftzeit niemanden verraten hatte, war es schwer, wieder Anschluss an die Partei zu bekommen und eine Aufgabe, in der sie sich im NS-Widerstand bewähren konnte. Arbeit fand sie zunächst ab August 1933 als Angestellte bei der Landwirtschaftsbank in Stuttgart.

Marie Wiedmaier, deren Mann Eugen inhaftiert war, stellte 1934 den Kontakt zur KPD über die Instrukteurin „Lotte“ wieder her: „Hanna“ erhielt den Auftrag, den Jugendverband in Stuttgart und Umgebung wieder aufzubauen. Engagiert ging „Hanna“ an diese Aufgabe. Schulungskurse wurden bei Wanderungen in Kleingruppen abgehalten. Schwerpunkte lagen auf der Gewinnung von Nazigegnern in den Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und Vereinen. Aktionsformen der Jugendgruppen: heimliche Flugblatt- Klebezettel- und Kreideaktionen und Geldsammlung für die Familien von Verhafteten.

„Hanna“ und „Hardy“ verlobten sich. Sie beschafften eine Schreibmaschine, Matrizen und Papier. Im Juli 1934 war in der ersten von ihnen herausgegebenen Ausgabe der „Junge Garde“ zu lesen: „Jungarbeiter! Der Feind steht im eigenen Land! Wenn ihr und die gesamte werktätige Bevölkerung es wollt, könnt ihr im kommenden imperialistischen Krieg die Waffen, die man euch gibt, umdrehen gegen die eigenen Feinde im Land selbst, gegen eure Ausbeuter. …. Um euch das alles nicht sagen zu dürfen, hat man die Kommunisten in die Gefängnisse und Konzentrationslager gesteckt, gefoltert und ermordet…… Seite an Seite mit den erwachsenen Kollegen müsst ihr gegen Lohnraub und Militarisierung, Schikanen und Anschnauzereien, gegen Drill und Zwangsarbeit, für gleiche Löhne bei gleicher Leistung, für genügenden Erholungsurlaub zum Aufbau eurer Kräfte ankämpfen…“

Hanna sorgte für eine gute Verbindung zwischen den Jugendwiderstandsgruppen im Stuttgarter Osten, in S-Münster, Cannstatt und Fellbach. Heimlich las sie die Internationale Pressekorrespondenz, die „Rote Fahne“, den Pressedienst der KPD Württemberg.

Fritz Brütsch und ein weiteres Mitglied der Stuttgarter Jugendgruppe wurde im Dezember 1934 verhaftet. Die Gruppe bemühte sich um Konspiration, doch als Hans Gasparitsch und zwei seiner Freunde am 14. März 1935 nach seiner Parolenaktion verhaftet wurden, fand die Gestapo Fotos der Jugendlichen bei Wanderungen. Schnell wurden Namen ermittelt, 18 Jugendlichen und 7 Erwachsenen verhaftet und im Gestapo-Hauptquartier „Hotel Silber“ verhört. Elisabeth Schikora, die älteste der Gruppe, wurden schlimm gefoltert. Der Gestapo-Beamte „1-2-3- Keller“, der die Gruppe schon aus seiner Zeit in der Ostendwache kannte, spielte Hanna und Hardy gegeneinander aus.

Der Strafsenat des OLG Stuttgart fällte am 25. März 1936 die Urteile: 16 junge Antifaschisten erhielten Zuchthausstrafen wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Elisabeth Schikora erhielt als „Hauptschuldige“ 5 ½ Jahre. „Allerdings konnte die Schikora in der Hauptverhandlung nicht als Zeugin vernommen werden, da sie während der Strafverbüßung in Geisteskrankheit verfallen ist“ liest man in der Akte. Ob es die Folterqualen waren oder ein letzter Ausweg, den „Hanna“ in der „Umnachtung“ suchte, um keinen Verrat begehen zu müssen, bleibt unklar. In der Haft in der Frauenstrafanstalt Aichach unternahm Elisabeth Schikora einen Selbstmordversuch. Politische Gegner als psychische krank zu stigmatisieren und aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen war eine Methode der Nazis. Mit der in der NS-Zeit tödlichen Diagnose „Schizophrenie“ wiesen sie „Hanna“ in die „Heilanstalt“ Zwiefalten ein, wo das Morden nach der Auflösung der Tötungsanstalt Grafeneck dezentral fortgesetzt wurde.

Elisabeth Schikora starb am 12. Februar 1944 im Alter von nur 35 Jahren – als offizielle Todesursache wurde „Tuberkulose“ angegeben.  Mit dem Stolperstein, der 2017 für sie in der Villastr. 3 in Stuttgart verlegt wurde, kehrte der Name und die Geschichte der mutigen, jungen Kommunistin, die ihr Leben dem Kampf gegen Krieg und Faschismus widmete und die dafür vom faschistischen NS-Regime bis in den Tod verfolgt wurde. Ihr Andenken ist Ansporn, sich wachsam, aktiv und antifaschistisch für Frieden und eine menschenwürdige Gesellschaft einzusetzen.